Philosophie der Moderne: Die Veraffung des Menschen

Aping Mankind. Neuromania, Darwinitis and the Misrepresentation of Humanity von Neurowissenschaftler und Philosoph Raymond Tallis argumentiert gegen übertriebene Schlussfolgerungen aus der neurowissenschaftlichen und evolutionspsychologischen Forschung, nämlich dass der Mensch vollkommen erklärt werden könnte durch die Reduktion seines Geistes auf Gehirnprozesse oder in Hinblick auf seine biologische Natur als Säugetier, als ein Produkt der Evolution.

In den folgenden Teilen dieser Artikelreihe geht es darum, was den Menschen vom Tier unterscheidet, warum er einen freien Willen hat (und warum uns das interessieren sollte) und wie die Konsequenzen aus der Veraffung des Menschen aussehen. Man erfährt auch, warum der Geist nicht die Seele ist und warum Körper und Geist zusammengehören.

Um Missverständnisse zu vermeiden, weise ich sogleich darauf hin, dass ich durchaus nicht in das Lager derjenigen übergewechselt bin, die meinen, dass uns die Neurowissenschaften und die Evolutionsbiologie überhaupt nichts zu sagen hätten über den menschlichen Geist und das menschliche Verhalten. Sie haben uns durchaus wertvolle Einblicke geliefert, doch gibt es Forscher – überhaupt gibt es eine entsprechende Tendenz bei Wissenschaftlern -, die aus ihrem spezifischen Forschungsgebiet eine Erklärung für alles, ein ganzes Weltbild ableiten. Vermischt sich diese Tendenz mit mangelnden Kenntnissen über Geschichte, Kunst und Philosophie, obwohl sie im Forschungskontext relevant wären, dann kann es sehr fragwürdig werden.

Gehirn = Geist: Ein historischer Rückblick 

Die Fragwürdigkeit fängt damit an, wenn etwa behauptet wird, die Reduktion des menschlichen Geistes auf Gehirnprozesse wäre der glorreiche Gipfel moderner Forschung und jeder, der etwas anderes glaubt, würde einem mittelalterlichen Weltbild aufsitzen. Tatsächlich gibt es die Auffassung, Geist oder Gehirn wären identisch oder das Gehirn wäre eine hinreichende Voraussetzung für den Geist, schon seit vielen Jahrtausenden und die moderne Forschung hat nichts Grundsätzliches zu dieser Debatte hinzugefügt. Wenn jene, die den Materialismus bezweifeln, ein mittelalterliches Weltbild teilen, dann teilen jene, die glauben, Gehirn und Geist wären identisch, ein Weltbild, das noch einmal gut 1500 Jahre älter ist. Dies wäre, ihrer eigenen Logik nach, laut der es einen beständigen Erkenntnisfortschritt gibt, 1500 Mal so rückständig. Mit Verlaub.

Vorsokratische Philosophen (600-400 v. Chr.) wie Empedokles und Pythagoras teilten bereits die Idee der Gehirn-Geist-Identität. Am deutlichsten formuliert wurde sie wenig später von Hippokrates (460-377 v. Chr.) in seiner berühmten Schrift Über die heilige Krankheit:

Die Menschen sollten wissen, dass aus dem Gehirn und nur aus dem Gehirn unsere Vergnügungen, Freuden und Amüsements, wie auch unsere Leiden, Schmerzen, Trauer und Tränen hervorgehen. Ausdrücklich durch das Gehirn denken, sehen, hören wir und unterscheiden das Hässliche vom Schönen, das Schlechte vom Guten, das Angenehme vom Unangenehmen.

Anfang des 19. Jahrhunderts hat Franz Joseph Gall die Pseudowissenschaft Phränologie ins Leben gerufen. Er stellte die folgenden drei Prinzipien auf:

1. Das Gehirn (vor allem die Gehirnrinde) ist das Organ des Geistes.

2. Es ist eine Zusammensetzung von Teilen, jeder davon dient einem unterscheidbaren aufgabenspezifischen Fachbereich und

3. die Größe der verschiedenen Teile des Gehirns, die man vor allem durch eine Untersuchung des Schädels feststellen kann, verweist auf die relativen Stärken der verschiedenen Fachbereiche, denen sie zugeordnet sind.

Phränologie ist in Verruf geraten aufgrund des dritten Prinzips. Die anderen beiden sind die Grundlagen des heute populärsten Gehirnmodells, das Gehirn als ein Computer, der in verschiedene, evolutionär enstandene “Module” unterteilt sei, die spezifische Bereiche des Geistes abdeckten (Wut, Liebe, etc.).

Neuromanie und Darwinitis

Das aktuell vorherrschende Modell des Geistes setzt sich vollständig aus neurowissenschaftlichen und evolutionsbiologischen Erkenntnissen zusammen, die zu einer Universalerklärung überinterpretiert werden. Steven Pinker, der berühmte Evolutionäre Psychologe (Das unbeschriebene Blatt, Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit), bringt diese Vorstellung folgendermaßen auf den Punkt:

Der Geist ist ein System von Berechnungsorganen, das von der natürlichen Selektion gestaltet wurde, um die Probleme zu lösen, die unsere evolutionären Vorfahren herausforderten.

Aus diesem Bild des menschlichen Geistes ergeben sich folgende Implikationen:

1. Unterminierung der Möglichkeit, objektives Wissen zu erlangen

Laut dem Philosophen John Gray “dient der Geist dem evolutionären Erfolg, nicht der Wahrheit”. Man fragt sich zwar, warum sich Gray selbst aus dieser Feststellung ausschließt, aber akzeptiert man die Aussage, so dient auch Forschung nicht dem Erkenntnisstreben, sondern wir möchten dadurch lediglich unsere Fitness erhöhen und beim anderen Geschlecht gut ankommen.

2. Unterminierung der Ethik

Moralisches Verhalten dient letztlich nur dazu, die Überlebenswahrscheinlichkeit unserer Gene zu erhöhen. Wenn wir unser Leben zum Wohl unserer Familie aufopfern, dann tun wir das nur, um unseren Genen, die sich zum Teil in unseren Kindern befinden, zu dienen. Damit wäre die Moralphilosophie erledigt. Sie dient lediglich der Rationalisierung der egoistischen “Interessen” unserer Gene. Laut dem Neurowissenschaftler Chris Firth sind “unsere Gehirne schlauer als wir” und wir erfüllen nur blind ihre Ziele.

Es gäbe keinen freien Willen, unser Schicksal wäre so vorherbestimmt wie das von Kieselsteinen und Wasserfällen. Es gäbe nur eine kausale Kette, die vom Big Bang bis zum Big Crunch reicht und wir wären lediglich ein Teil dieser Kette. Ob unsere Handlungen bewusst sind oder nicht, wäre letztlich bedeutungslos. Sie wären alle lediglich die Ausführung von Funktionen des Gehirn-Computers. Wie Colin Blakemore schreibt: “Unser Gehirn ist eine Maschine, die alleine für alle unsere Handlungen, unsere privaten Gedanken, unsere Meinungen verantwortlich ist.”

Nihilismus

John Gray, Professor für Europäisches Denken an der London School of Economics, hat sich aktuelle wissenschaftliche Trends zu Herzen genommen. Er kommt in seinem Buch Straw Dogs: Thoughts on Humans and Other Animals zum Ergebnis, der Mensch wäre “Homo rapiens”, der raubtierartige, destruktive Vergewaltiger-Affe. Er sei “es nicht offensichtlich wert, erhalten zu werden” und sein Leben hätte “nicht mehr Bedeutung als das eines Schleimpilzes”.

Nicht nur der freie Wille, auch die menschliche Persönlichkeit wäre eine Illusion, ein “fragmentarischer Traum”. Ähnliches schreibt der Psychologe Bruce Hood (übernatürlich? natürlich!) in seinem neuen Buch The Self Illusion. Why There is No “You” Inside Your Head: “Das Selbst ist tatsächlich eine Konstellation von Mechanismen und Erfahrungen, welche die Illusion eines inneren Du erzeugen.” Nimm das, menschlicher Verstand! Die Bildungsromane des britischen Schriftstellers Charles Dickens beschreiben die Entwicklung der Persönlichkeiten ihrer Hauptcharaktere, also demnach eine “Konstellation von Mechanismen”. Bruce Hood reiht sich damit in die Reihe der Tierphilosophen im Anschluss an David Hume ein, die nur das für real halten, was sie unmittelbar wahrnehmen.

Die Geschichte des Menschen – immerhin geht man noch von ihrer Existenz aus, obwohl sie ein Konzept darstellt – sei laut Gray eine “Aufeinanderfolge von Katastrophen” mit “gelegentlichen Ausrutschern in Richtung Frieden und Zivilisation.” Ideen von Fortschritt und Weiterentwicklung hätten stets nur zu noch größeren Katastrophen geführt.

Oder, wie Adolf Hitler es ausdrückte: “Das Leben ist furchtbar” und der Mensch sei “ein lächerliches kosmisches Bakterium.” Zum Glück für die anti-humanistischen Szientisten wird das Bakterium Mensch vielleicht bald ausgelöscht, denn “der Klimawandel könnte ein Mechanismus sein, mit welcher der Planet seine menschliche Bürde leichter macht” (John Gray).

Man stellt sich sogleich einige Fragen. Wenn wir so sind wie andere Tiere, wie könnte uns das überhaupt bewusst sein? Anderen Tieren ist dieser Gedanke fremd, wie ihnen jeder Gedanke fremd ist. Ein Tausendfüßler kennt nicht das Konzept “Tausendfüßler”, noch ordnet er sich den “Insekten” unter. Und ob unsere Geschichte schlicht katastrophal war, kann man, milde ausgedrückt, “umstritten” nennen, wobei sich andere Tiere weder über ihre Geschichte streiten, noch überhaupt ein solches Konzept namens “Geschichte” kennen.

Der Schriftsteller Will Self nannte John Gray den “bedeutendsten lebenden Philosophen”. Die Schriftstellerin A.S. Byatt findet Gray ebenso großartig und Bryan Appleyard erklärte Straw Dogs zu: “zweifellos eines der größten Werke unserer Zeit”. Byatt ist nun sogar der Meinung, wir könnten John Donnes Gedichte mit Hilfe von Gehirnscannern besser verstehen.

Erklärung durch Ignoranz

In meiner satirischen Erzählung Das Prometheus Trio: Die Invasion habe ich mich bereits über die extremeren Behauptungen aus den Gefilden der Evolutionären Psychologie lustig gemacht, indem ich eine “evolutionäre Erklärung” darüber fabriziert habe, warum unsere Kultur solche Farben wie Lila und Rosa mit dem weiblichen Geschlecht identifiziert.

Genau eine solche Erklärung wird allerdings tatsächlich angeboten in der evolutionär-psychologischen Publikation Biological Components of Sex Differences von Hurlberg & Ling. Die Forscher behaupten, Frauen wären in der Frühgeschichte des Menschen vor allem Sammler von Früchten gewesen und hätten Männer sensibilisiert für “die Farben der Reife”. Männer dagegen hätten unter blauem Himmel gejagt und Wasser aus Quellen geschöpft – beides mit der Farbe blau assoziiert. So gelangten die geschlechterspezifischen Farben über die Gene in unsere Gehirne.

Im viktorianischen England wurde allerdings Blau (assoziiert mit der Jungfrau Maria) mit Mädchen assoziiert und Rosa (entschärfte Version der “wütenden” Farbe Rot) mit Jungs. Die Farbsymbolik ist also eine kulturelle Konstruktion und wurde nicht im Pleistozän in unsere Gene eingespeist. Da Naturwissenschaftler der Third Culture der Meinung sind, man könne die Geisteswissenschaften auf die Naturwissenschaften wegreduzieren, wissen sie solche Dinge nicht und Ergebnis sind absurde Theorien wie diese.

Im nächsten Teil der Reihe geht es dann weiter. Dort erfahren Sie unter anderem, warum Sie kein “lächerliches kosmisches Bakterium” sind oder der “Neandertaler von morgen”, ein “nackter Affe” auf einem “Staubkorn im Weltall”.

Literatur

Philosophie der Moderne: Die Zerstörung der Menschenrechte

Philosophie der Moderne: Attila und der Schamane 

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9 comments to Philosophie der Moderne: Die Veraffung des Menschen

  1. Nanomyte sagt:

    “unsere Gehirne schlauer als wir”

    Das ist der lustigstes Satz überhaupt.
    Heißt er doch “Wir sind schlauer als wir.” ROFL.

    Als könnte man “Gehirn besitzen/haben” man IST Gehirn.

    Das ist dann so als sagt man “Man ist”, es wäre nur korrekter man würde “Gehirn X im Aktivitätszustand XYZ ist” schreiben.

    Das wäre aber ziemlich umständlich und Gehirne in Aktivierungszuständen XYZ (wir) können das weg lassen.

    Wenn jemand schreibt/sagt er “HABE” ein Gehirn, dann sollte man fragen in welchem Regal oder Glas hebst du es eigentlich auf?
    - Denn er müsste eigentlich meinen “er ist ein Gehirn” oder kürzer “Er ist”.
    Selbst wenn er sich auf den Kopf tippt bleibt der besitzanzeigende Satz mit “haben” völlig falsch.
    Gehirn kann man nicht haben, man kann es nur sein, es sei denn man hat eine Gehirnsammlung in der Garage oder Keller stehen. :P

    Solche Absurditäten kommen auch nur mit dem Falschgebrauch von Sprache und Sätzen zuStande.
    Denn eigentlich gemeint ist bei einem solchen Satz
    “Ich habe schließlich ein Hirn” garnicht das, was da geplappert wird, sondern “Ich bin klug” oder “Ich kann solch eine Aufgabe lösen”.
    Das ist Situationsbedingt und führt einen völlig in die Irre, setzt die Sprache eine Verschiedenheit voraus die nicht da ist.

    Du verrenst dich scheinbar auch in Bewertungsebenen.
    Wäre ein Schleimpilz ein komplexes Gehirn mit Aktivitätsmodi, so wäre der Schleimpilz höchstwahrscheinlich genauso aufgebracht von dem Satz:
    “nicht mehr Bedeutung als das eines Schleimpilzes” nur unter umgedrehten Vorzeichen.

    Man kann aber Bewertungskriterien einführen. Z.Bsp. welche Konstellationen verhindern das meiste Leiden, oder ermöglichen den besten Sex für alle Beteidigten –
    Genauso wie man auch fragen kann: Was ist der beste Boden um darauf Kartoffeln anzubauen. Basischer, neutraler oder saurer Boden? usw. usf.

    “so dient auch Forschung nicht dem Erkenntnisstreben, sondern wir möchten dadurch lediglich unsere Fitness erhöhen und beim anderen Geschlecht gut ankommen.”

    Das Erkennen von Gesetzmäßigkeiten und immer detailgetreueren Abbilden in Modellen ist eher ein neues Adaptionsprodukt welches an die Stelle des selektierten Vorteils trat.
    Wie die Bakteriengeißel nach ihrer Entwicklung von Einspritzorganell eine neue Funktion eröffnet hat namens Fortbewegung.
    Die Frage die sich hier stellt – warum sollte es Organe zur “echte Erkenntnis” geben – Was ist das überhaupt Erkenntnis anderes als ein theoretischer Begriff?
    Das Minimalste ist um das zu umreißen: Zusammenhänge zu erkennen, diese Voraus zu berechnen und darauf als Individuum oder Gruppe zu reagieren und Regeln für das Verhalten etc. ableiten zu können.

    “Moralisches Verhalten dient letztlich nur dazu, die Überlebenswahrscheinlichkeit unserer Gene zu erhöhen. Wenn wir unser Leben zum Wohl unserer Familie aufopfern, dann tun wir das nur, um unseren Genen, die sich zum Teil in unseren Kindern befinden, zu dienen.”

    Man existiert derzeit weil die Gene bis zum hier und heute vorhanden blieben und einen selbst mit formten.
    Daraus folgt nicht dass sie das heute überleben müssten oder gar, dass sie darauf ausgelegt wären noch weiter zu überleben. Es zeigt nur aus dass sie es bisher taten.

    Würde man die Wesen die verschwanden z.Bsp. Dinos wieder herstellen, so wäre das damals selektierte Genmaterial möglicherweise im hier und jetzt von großem Vorteil.

    Aus den Genen folgt nicht, dass die Person oder der Nachwuchs oder gar sowas wie die “Art” darauf ausgelegt wären sich zu erhalten. Es ist eher so, dass die, die nicht erhalten blieben aktiv selektiert wurden und der Rest Glück hatte, dass der “Kelch der Selektionen X und Y” an ihnen vorüber ging.

    “Genau eine solche Erklärung wird allerdings tatsächlich angeboten in der evolutionär-psychologischen Publikation Biological Components of Sex Differences von Hurlberg & Ling.”

    Du meine Güte, was ein Hirn oder eine Gruppe von Hirnen oder eine Gesellschaft wie festlegt (z.Bsp. Farbe und andere beliebige Traditionen) gründet sich auf Aktivitätsmuster im Zuge zufälligen Begebenheiten an irgendwelchen Tagen in denen Entscheidungen dann getroffen werden.
    Input – Rekombination durch weitere tagesspeziefische Eindrücke – Output und lässt sich nicht so flach extrapolieren.
    Das gilt nichtnur für die Farbvorliebe und Festigung, sondern auch für so etwas wie Arachnophobie.

    • BunteKuh sagt:

      Ein sehr schöner Artikel, endlich mal ohne Einflüsse von Any van Däniken.

      Wenn jemand sagt: “Sie haben Ihr Gehirn nicht, Sie sind Ihr Gehirn.” dann meint er das natürlich in einem pointierten Sinn, der Widersinn in der Aussage ist ja rhetorisch beabsichtigt.

      Und ganz im Gegenteil macht der Artikel sehr schön deutlich, daß wir durch die Zentrierung auf die neuronale Aktivität alleine keine gehaltvollen Erklärungen bekommen können. Und ich spreche hier nicht von so trivialen Dingen wie einer Interpretation von Gedichten via fMRT, sondern etwa bei der Erforschung von Emotionen. Wenn etwa zwei Personen (A; B) in zwei Räumen getrennt sind und durch eine Maschine A genau jene physiologischen Erregungszustände übermittelt bekommt wie B, beide also im identischen Erregungszustand sind, dann bedeutet das eben nicht, daß sie die selben Emotionen besitzen müssen. Ohne den Kontext, der weitere Stimuli aussendet, welche für eine Interpretation, wie ich mich gerade fühle, notwendig ist, bleibt jede Erkenntnis unvollständig. Daß all das im Gehirn passiert: ja, klar. Im Hintern wohl kaum. Geschenkt.
      Die Daten von Gehirnscannern / oder anderen Messgeräten für die Physiologie sind hier notwendig, aber nicht hinreichend. Emotionen sind mehr als nur neuronale Zustände.

      Ein sehr schöner Artikel, mal endlich ganz ohne Einfluss von Rand van Däniken :)

      • BunteKuh sagt:

        Boah, wieso wird hier immer alles durcheinander geworfen, wenn ich einen längeren Text schreibe und alle meine Word-Bausteine verhunzelt?!
        Mal bitte verbessern. Wäre objektiv besser :)

      • Nanomyte sagt:

        “Wenn etwa zwei Personen (A; B) in zwei Räumen getrennt sind und durch eine Maschine A genau jene physiologischen Erregungszustände übermittelt bekommt wie B, beide also im identischen Erregungszustand sind, dann bedeutet das eben nicht, daß sie die selben Emotionen besitzen müssen.
        Ohne den Kontext, der weitere Stimuli aussendet, welche für eine Interpretation, wie ich mich gerade fühle, notwendig ist, bleibt jede Erkenntnis unvollständig.”

        Das würde ich mal nebenher gerne anhand mindestens eines Beispiels aus der Praxis verdeutlicht wissen.

        Dass die bloße Übertragung von Teilaktivitäten wenn sie im Gesamtkontext aller Aktivitäten eingebettet sind nicht ausreichen mögen, um identische Bewusstseinsinhalte oder Gedankengangabfolgen zu bewirken obliegt dem individuellen Aufbau des einzelnen Gehirns.

        • BunteKuh sagt:

          Natürlich findet das allem Gehirn statt. Aber durch das Beobachten der neuronalen Aktivität können wir komplexe Phänomene, wie Emotionen eben nicht vollständig erklären. Schachter hat das beispielsweise durch den Nachweis der Relevanz von Umweltstimuli versucht aufzuzeigen.

          http://de.wikipedia.org/wiki/Zwei-Faktoren-Theorie_der_Emotion

          Das Experiment von mir ist natürlich aktuell so nicht durchführbar :)
          Neben wir aber einmal an, von den zwei so verdrahteten Personen, sitzt Person A in einem Raum und soll herausfinden, wie sich Person B gerade fühlt. Person B guckt sich einen Film an, in dem abwechselnd Szenen gezeigt werden. Szenen in denen etwa eine große Ungerechtigkeit gezeigt wird und Szenen in denen beängstigende Inhalte gezeigt werden.
          Person B wird also entsprechend der Szenen physiologische Signale aussenden (hohe Hautspannung, Schweißbildung, erhöhter Herzschlag), welche A auch erlebt.

          Kann A nun entscheiden ob B gerade wütend ist oder ob gerade ängltlich ist? In beiden Fällen nimmt sind die physiologischen Phänomene ja nahezu identisch. Sowohl bei Wut als auch bei Angst nimmt etwa auch der Herzschlag zu.

          Ich würde meinen: nicht unbedingt. Denn es fehlt ja der Umweltreiz (Film) welcher uns dabei hilft unsere an uns wahrgenommenen Erregungszustände mit einer bestimmten Emotion zu attributieren.
          Was meinst du?

  2. Felek sagt:

    Oder, wie Adolf Hitler es ausdrückte: “Das Leben ist furchtbar” und der Mensch sei “ein lächerliches kosmisches Bakterium.”

    Naja, da kam aber noch seine (mit grosser Sicherheit narzistische) Persoenlichkeitsstoerung dazu.Apropos, wie verhaelt sich der freie Wille zu den Faellen, in denen, bedingt durch Persoenlichkeitsstoerungen, Menschen wie auch Hitler von vorneherein nicht zu Empathie faehig sind? Ich meine, der freie Wille ist hier doch schon eingeschraenkt,oder?

  3. American Viewer sagt:

    Ich stimme deiner Einleitung zu, dass die Neurowissenschaften und die Evolutionspsychologie zum Teil übertriebene und groteske Schlussfolgerungen aus ihren Forschungen ziehen. Das hast du ja schon öfters schön auf den Punkt gebracht.

    Oder um es mal anders auszudrücken: Viele Forscher haben ein festes (nicht selten linkes) Weltbild im Kopf und das „belegen“ sie dann „wissenschaftlich“. Dein Punkt am Ende mit den Farben rosa und blau ist ein gutes Beispiel.

    Auf der anderen Seite stimme ich allerdings auch einem Steven Pinker zu. Seine Theorien sind sehr interessant. Und im Gegensatz zu seinen Kollegen hat er auch nicht schon vorher festgelegt, was hinterher politisch korrekt herauskommen soll. Der Mann denkt einfach nach, egal was die Ergebnisse sind.

    Natürlich hat Pinker auch eine Prämisse. Jeder Mensch hat eine Prämisse, einen Ansatz, ein Vorurteil. Sonst kann man ja gar nicht arbeiten. Pinkers Prämisse ist offensichtlich die Einheit von Geist und Gehirn: Alles was wir als „Geist“ empfinden, muss ein Produkt unseres Gehirnes sein. Ich weiß nicht, aber ziehst du das in Zweifel?

    Im Prinzip bringst du ja zwei bis drei Argumente gegen Menschen wie Pinker, wenn ich das richtig verstehe. Wenn Menschen wie Pinker Recht haben, dann gibt es

    1. Keine absolute Objektivität, keine endgültige „Wahrheit“
    2. Keine absolute Ethik, keine objektive Moral
    3. Keinen absolut freien Willen

    Stimmt das ungefähr so? Dann muss ich allerdings feststellen: Deine Argumente bewegen sich alle auf der Ebene des Sollens. Das sind deine Wünsche. Wenn Pinker Recht hätte, dann wäre das schrecklich, weil so und so.

    Was hat das dann noch mit „Wahrheitssuche“ zu tun?
    Willst du wirklich wissen was ist oder willst du festlegen was sein soll?

    Zu viele Menschen bewegen sich aus meiner Sicht in der Dimension des Sollens: Viele Konservative, die Kirche, NGOs, Umweltbewegungen, so ziemlich jede linke Partei. Auch in der Philosophie, besonders die Deutschen: Hegel, Marx, Heidegger.

    Ich finde es besser, man bleibt in der Welt des Seins und untersucht (so offen wie für einen persönlich eben möglich) was wirklich ist.

    • derautor sagt:

      Aus dem was ist, folgt, was sinnvollerweise getan werden sollte. Wenn der Mensch allerdings keinen freien Willen besäße, sein Geist auf Hirnprozesse reduzierbar wäre, könnte man sich das gesamte “Sollen”, das Normative gleich ersparen. Dann folgt aus dem Ist das, was notwendigerweise sein wird und nichts weiter. Dann wären die Handlungen jedes Menschen determiniert durch “xy einfügen”, dann bestimmt die Basis den Überbau, die Herkunft, die Biografie, die Gene, die Umwelt, wie du dich entscheiden wirst. Hat der Mensch einen freien Willen, dann kann er rational abwägen zwischen verschiedenen Ideen – wie etwa jener, ob der freie Wille existiert oder nicht (was wir ja offensichtlich können!). Die Nichtexistenz des freien Willens steht in einem derart starken Widerspruch zu unseren alltäglichen Erfahrungen (du könntest dich bewusst unter Abwägung von Argumenten dafür oder dagegen entscheiden, jetzt weiterzulesen, oder?), dass sie nicht wirklich auch nur vorstellbar ist.

      Der freie Wille ist die Fähigkeit des Geistes, zu denken oder nicht zu denken. Natürlich kann man auch an seiner Fähigkeit zu denken zweifeln – weil man sich bewusst dazu entschließen kann.

      Ich denke nicht, dass sich der Geist auf Gehirnprozesse reduzieren lässt; allerdings ist der Geist auch nicht unabhängig vom Gehirn vorstellbar. Der Geist ist ein Teil der Natur, darum aber nicht den Gesetzen der materiellen Natur unterworfen, sondern den Gesetzen, welche die Funktionsweise des Geistes bestimmen. Lebewesen können ihre eigene Bewegung auslösen, was die unbelebte Materie nicht kann, und das menschliche Bewusstsein beherrscht selbst-initiierte Bewegung im Bereich der Kognition (Denken), was weder unbelebte Materie kann, noch andere Lebewesen. Andere Lebewesen haben also eine ganz bestimmte Natur, die bestimmten Gesetzen gehorcht, ebenso die materielle Welt und ebenso der Mensch.

      Ich weise nun darauf hin, dass Ideen Konsequenzen haben – insbesondere, wenn Intellektuelle sie vortragen. Wenn Pinker etwa schreibt, dass es keine richtige oder falsche Grammatik gebe und dass wir Sprache nicht bewusst lernen müssten, sondern sie automatisch aus unserer Umwelt aufsaugten, dann hat dies reale Konsequenzen auf das Bildungswesen, die katastrophal sind, wie Theodore Dalrymple aufzeigt: http://www.city-journal.org/html/16_4_urbanities-language.html

      Ebenso hat bislang jede Studie gezeigt, dass die Leugnung des freien Willens negative psychologische Auswirkungen hat: Stagnation, unsoziales Verhalten, Fatalismus. Aus objektivistischer Sicht ist es ganz klar, warum das so ist: Die Überlebensmethode von Tieren sind ihre Instinkte und die Überlebensmethode des Menschen ist seine Vernunft. Wenn man dem Menschen sagt, er habe keinen freien Willen, dann sagt man ihm, er könne sich nicht zur Anwendung seiner Vernunft entschließen. Und das ist seine Sterbensurkunde. Und ich spreche mich dagegen aus, auf Basis der Anwendung der Gesetze der materiellen Welt auf einen anderen Teil der Natur (den Geist) das Überleben des Menschen zu bedrohen.

      “Wenn Pinker Recht hätte, dann wäre das schrecklich, weil so und so.”

      Ich zeige auf, was aus Pinkern Ideen folgen würde, um klarzumachen, wie er das Denken der Menschen de facto beeinflusst. Es wäre nicht schrecklich, wenn er Recht hätte, weil ich in dem Fall gar nicht beurteilen könnte, ob er Recht hätte. Das ist ja der freie Wille: Die Entscheidung für das Denken oder dagegen, für die Bildung und logische Verknüpfung von Konzepten auf Basis von Sinnesdaten – oder dagegen. Es ist logisch unmöglich, dass Pinker Recht hat mit seiner Leugnung der Willensfreiheit, hingegen sind die Auswirkungen seiner öffentlichen Propagierung dieser Ideen klar feststellbar.

  4. Martin sagt:

    “(du könntest dich bewusst unter Abwägung von Argumenten dafür oder dagegen entscheiden, jetzt weiterzulesen, oder?), dass sie nicht wirklich auch nur vorstellbar ist.”

    Um mal den Advocatus Diavoli zu geben:
    Nicht klar ist mir bisher, wie denn erkannt werden soll, das etwas determiniert ist oder nicht. Das es Dir so vorkommt, als würdest Du abwägen und Dich frei entscheiden, heißt ja nicht, das dem auch so ist. Das “Gefühl” wäre für Dich gleich, auch wenn das Ergebnis des Abwägungsprozess bereits vorher feststünde. Bzw. auch die Abwägung und die Gewichtung vorher bereits determiniert wäre.

    Interessant wäre in dem Zusammenhang vielleicht auch die Betrachtung, wie das denn bei Leuten ist, die unter psychischen Störungen leiden. m.W. (muß da mal heute Abend mal fragen wie das bei den Patienten meiner Lebensgefährtin ist) gibt es z.B. Zwangspatienten, die der völligen Überzeugung sind, ihre Entscheidungen aus freiem Willen zu treffen .. und dann 20 mal aus “freiem Willen” hintereinander überprüfen ob die Tür abgeschlossen ist.

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